Klima-Kipppunkte als progressive Risikotreiber
Auf der Weltklimakonferenz COP30 erörterte die Fachwelt unter dem Stichwort „Climate Tipping Points“ ein Thema, das in weiten Teilen des Finanzsystems noch immer massiv unterschätzt wird. Dabei geht es um kritische Kippprozesse im globalen Klimasystem, die mit steigender Erderwärmung immer wahrscheinlicher werden. Versicherungen und andere Risikoträger müssen ihren Blick verstärkt auf die rapide ansteigenden Klimaschäden richten. Insbesondere das Näherrücken planetarer Kipppunkte transformiert Klimarisiken zunehmend in „High Impact – High Probability“-Events. Beim adäquaten Einpreisen dieser veränderten Risiken spielen Versicherungen eine zentrale Rolle – als unverzichtbare „Gatekeeper“ des Finanzsystems.
Der jüngste UN-Klimagipfel COP30 im brasilianischen Belém zeichnet ein alarmierendes Bild: Demnach wird bei der Erderwärmung der Wert von 1,5 Grad „mit Sicherheit“ überschritten – bis Ende des Jahrhunderts droht ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 2,8 Grad. Trotz erheblicher Anstrengungen bewegt sich die Menschheit damit weiter auf einem sehr gefährlichen Pfad. Ein Überschreiten der Pariser Klimaziele – „maximal 1,5 bis 2 Grad Erwärmung“ – scheint nur noch eine Frage weniger Jahre.
Klimaexperten zufolge hätte dieser Verlauf äußerst gravierende Folgen für das Erdklima und würde massive Schäden in Weltwirtschaft und Finanzsystem auslösen. Doch die Komplexität der zugrundeliegenden Risiken und Risikotreiber wird oft noch nicht voll verstanden. Nicht nur die Dimension und Tragweite drohender Klimarisiken, sondern auch deren nichtlineare Dynamik und zeitliche Nähe werden regelmäßig unterschätzt. Hier liegt ein „blinder Fleck“, der auch für das Finanzsystem zunehmend gefährlich ist. Das wird besonders deutlich, wenn die Rolle kritischer Kipppunkte im Erdklimasystem adäquat berücksichtigt wird – auch mit Hilfe neuartiger Risikomodelle.¹
Climate Tipping Points: Wenn Klimasysteme umkippen
Kippelemente sind essenzielle Teilsysteme des Erdklimas, die bei Überschreiten kritischer Temperatur-Schwellenwerte – der sogenannten Climate Tipping Points – abrupt und meist unumkehrbar in einen neuen Zustand übergehen. Zu den wichtigsten Kippelementen zählen die Eisschilde in Grönland und der Antarktis, die Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC) und der Amazonas-Regenwald. Relevant sind aber auch die nördlichen Permafrostböden, deren Abtauen große Mengen schädlicher Treibhausgase freisetzt und so den Prozess der Erderwärmung weiter anheizt. In jedem dieser Fälle gilt: Positive Rückkopplungen und andere Selbstverstärkungsmechanismen spielen eine zentrale Rolle. Sobald der jeweilige Kipppunkt überschritten ist, läuft ein sehr dynamischer, nichtlinearer und sich selbst beschleunigender Prozess – ein Teufelskreis (siehe Abb. 1).²
In einigen kritischen Bereichen zeigen sich bereits klare Signale für eine beginnende Kippdynamik: Dazu zählen die Eisschilde in Grönland und der Antarktis, aber auch die AMOC, deren Abschwächung den Golfstrom unterbrechen und große Teile Europas einer massiven Abkühlung aussetzen würde. Das rasche Fortschreiten der globalen Erwärmung treibt diese Entwicklung nicht nur weiter voran, sondern bewirkt dabei auch Rückkopplungen und andere nichtlineare Effekte, die viele Prozesse weiter verschärfen (siehe Abb.2).³
Diese komplexe Dynamik ist äußerst folgenschwer, denn mit steigender Wahrscheinlichkeit resultieren schon in wenigen Jahren gravierende Veränderungen des Erdklimas. Dann drohen vermehrte Dürren, die Überflutung küstennaher Gebiete und Metropolen sowie eine deutliche Zunahme von Extremwetterschäden. Die absehbaren Folgen gefährden zentrale Ökosysteme, die Grundlage für das Wohlergehen von Milliarden von Menschen sind.⁴
Hinzu kommt, dass viele Klima-Kippelemente auf komplexe Weise miteinander verbunden sind. So führt die polare Eisschmelze nicht nur zu einem Meeresspiegelanstieg, sondern verstärkt unmittelbar auch die Erderwärmung und bewirkt gleichzeitig eine Abschwächung der Atlantischen Umwälzzirkulation. So entstehen Dominoeffekte, die wiederum andere Kippelemente beeinflussen und deren Dynamik entscheidend verändern und beschleunigen können, bis hin zur Entstehung regelrechter „Kippkaskaden“.⁵
Genau hier liegt ein zentrales Problem, denn: Die Gesamtwirkung solcher Dominoeffekte und Kippkaskaden erzeugt weitaus größere Klimarisiken, als in vielen Prognosen und Risikomodellen bislang unterstellt.⁶
Gefährliche „Blind Spots“ und eskalierende Risikowahrscheinlichkeiten
Die Existenz planetarer Klima-Kipppunkte und deren Bedeutung als Auslöser massiver und meist irreversibler Veränderungen des Erdklimas ist in vielen Bereichen des Finanzsystems relativ unbekannt. Dasselbe gilt für das Risiko planetarer Kippkaskaden. Diese Unkenntnis (oder Ignoranz) erzeugt einen klassischen „Blind Spot“, der die kollektive Risikowahrnehmung massiv einschränkt.
Hier liegt ein weiteres Kernproblem, denn sobald die dynamischen Verstärkungseffekte planetarer Kipppunkte und Kippkaskaden im Rahmen einer Risikoabschätzung adäquat berücksichtigt werden, ergibt sich daraus eine sehr klare Konsequenz: Fundamentale Klimaveränderungen, die bislang zwar als „folgenschwer“, aber „wenig wahrscheinlich“ interpretiert wurden („high impact – low probability“), entwickeln sich – als Folge immer näher rückender Klima-Kipppunkte und möglicher Kippkaskaden – rasant zu „wahrscheinlichen“ und „potenziell katastrophalen“ Ereigniskaskaden („high impact – high probability“).⁷
Einfach formuliert, kommt es – mit Blick auf Intensität und Schwere künftiger Klimaschäden – zu einer schnellen Eskalation bisheriger Risikowahrscheinlichkeiten. Technischer ausgedrückt: In typischen (auch bei Versicherungen eingesetzten) Risikomodellen rücken die Extremereignisse – die sogenannten „Tail Risks“ – immer mehr in den „normalen“ Bereich der Risikoverteilung.⁸
Die enorme Relevanz von Klimarisiken wird in den jährlichen „Risk Reports“ des World Economic Forum (WEF) bereits ansatzweise erkennbar: Vier planetare Risikoszenarien – alle mit klarem Bezug zum Klimawandel – bilden dort aktuell die Spitze unter den zehn „Top Risks“ der kommenden Jahre (siehe Abb. 3).⁹
Im Gegensatz zu vielen anderen Finanzmarktteilnehmern, die Klimarisiken häufig ausblenden, haben Versicherungen diesbezüglich längst eine klare Wahrnehmung. Nicht zuletzt globale Rückversicherer verweisen seit Jahren auf das Problem rapide steigender Klimaschäden. Finanzexperten warnen vor der Gefahr einer systemischen Krise, sobald auftretende Klimaschäden die Tragfähigkeit privater oder
staatlicher Deckungsstöcke übersteigen. Der Vorstand einer großen Versicherungsgesellschaft hat erst vor Kurzem (in einem vielbeachteten Kommentar) auf die massiv steigenden Risiken des Klimawandels hingewiesen – insbesondere für die Stabilität bestehender Absicherungskapazitäten sowie die Integrität des gesamten Banken- und Kreditsystems.¹⁰
Klimarisiken gefährden auch Finanzsysteme
Spätestens hier stellt sich die Frage nach den ökonomischen Kosten des Klimawandels. Schon jetzt summieren sich die seit 1980 eingetretenen Schäden auf 6,9 Billionen US-Dollar (davon rund 4,5 Bio. seit 1995). Der Schwerpunkt liegt dabei auf Sturm- und Flutkatastrophen. Diese verursachen nicht nur erhebliche Schäden an wichtiger Infrastruktur, sondern zerstören auch landwirtschaftliche Nutzflächen und wichtige Nahrungsgrundlagen – oftmals dauerhaft (siehe Abb. 4).¹¹
Vor dem Hintergrund anhaltender Erderwärmung werden diese Kosten auch in Zukunft progressiv steigen – vermutlich sogar exponentiell. Die klare Zunahme klimabedingter Großschäden ist der Anfang eines Trends, der in den kommenden Jahren zu massiven Zerstörungen von Gebäuden, Lebensräumen und wichtiger Infrastruktur führen wird. In besonders exponierten Regionen gelten dann Wohnhäuser, Fabrikgebäude oder Hafenanlagen plötzlich als „nicht mehr versicherbar“ (siehe Abb. 5).¹²
Daraus entsteht schnell das Problem einer unzureichenden Abdeckung elementarer Risiken („Protection Gap“), das dann auf andere Teile des Finanzsystems ausstrahlt. Sind Hypothekenkredite im Spiel, schlägt das Problem auch auf die Kreditmärkte durch („Spillover“). Geschieht dies gehäuft und konzentriert, wie bei abrupten Klimaveränderungen zwangsläufig der Fall, hat das jeweilige Finanz- und Bankensystem ein ernstes Problem. Speziell an den Kapitalmärkten wird dieser beunruhigende Aspekt aber bislang noch nicht hinreichend zur Kenntnis genommen. Umso wichtiger ist es, mit Blick auf rapide steigende Klimarisiken eine rationale und risikobasierte Sicht einzunehmen.¹³
Neue Risikomodelle als Frühwarnsystem
Versicherungen erfüllen innerhalb des Finanzsystems eine wichtige Rolle als wachsame „Gatekeeper“ und effektives „Frühwarnsystem“. Sie erfassen unterschiedliche Risiken und belegen diese, je nach statistischer Verteilungsannahme, mit spezifischen Eintrittswahrscheinlichkeiten. Verändert sich die unterstellte Risikoverteilung, ändert sich auch die ökonomische Bewertung der Risiken. Steigen bei einem Risiko sowohl die Eintrittswahrscheinlichkeit als auch die erwartete Schadenshöhe, muss auch die Risikoprämie ansteigen. Diese Logik gilt grundsätzlich auch im Bereich der Klimarisiken.
Speziell mit Blick auf das Phänomen der Climate Tipping Points gewinnt diese Methodik jedoch an Brisanz: Die ausgeprägt nichtlineare Dynamik der planetaren Kipppunkte sowie deren mögliches Aufschaukeln zu „katastrophalen“ Klima-Kippkaskaden erfordern eine völlig neue Risikomodellierung. Eine einfache Extrapolation eingetretener Klimaschäden der letzten Jahre wäre absolut verfehlt; stattdessen sind progressive („nichtlineare“) Anpassungen zukünftiger Risikowahrscheinlichkeiten (und Schadenshöhen) erforderlich. Denn: Bedrohliche Klimafolgen, die bislang als „unwahrscheinlich“ galten, werden durch die Dynamik der Klima-Kipppunkte sehr schnell zu Risiken mit stark ansteigender Eintrittswahrscheinlichkeit. Das bedeutet: Bisherige Risikomodelle müssen in vielen Bereichen des Finanzsystems völlig neu kalibriert und um progressiv (oder gar exponentiell) ansteigende Tipping Point-Risiken ergänzt werden.¹⁴
Derartige Überlegungen führen direkt zum neuartigen Konzept der Planetary Solvency mit dem sowohl eine realistische Erfassung klimabedingter Extremereignisse als auch deren Integration in typische Risikomodelle bei Banken und Versicherungen angestrebt wird. Solche Ansätze befinden sich derzeit aber noch in einem sehr frühen Stadium. Erforderlich sind vor allem präzise Klimadaten sowie adäquate Modelle zur „Umrechnung“ progressiver Klimaeffekte in potenzielle Finanzrisiken. Dies gilt insbesondere für nichtlineare Klimaprozesse und schnell eskalierende Risikokaskaden.¹⁵
Marktteilnehmer müssen Klimarisiken stärker antizipieren
Spätestens hier wird klar, dass drohende Klimarisiken in vielen Bereichen hochdynamische Prozesse in Gang setzen. Eine Planetary Solvency-Risikologik an den Kapitalmärkten würde zur strukturellen Neubewertung klimabedingter Risiken führen, mit erheblichen Verwerfungen in exponierten Sektoren. Besonders betroffen wären Immobilienmärkte, aber auch Teile des Kredit- und Bankensystems. In der Realwirtschaft käme es zu einer Zunahme von „stranded assets“, also von nicht mehr fortführbaren Geschäftsmodellen. Entscheidend dabei sind veränderte Risikoerwartungen. Noch bevor drohende Klimaschäden tatsächlich eintreten, sorgt deren „Einpreisen“ dafür, dass künftige Risiken zeitnah im Finanzsystem abgebildet werden: Antizipation schlägt Realisation!
Besonders alarmierend ist die Tatsache, dass auch bisherige Klimamodelle das tatsächliche Ausmaß und Tempo der Klimaänderung signifikant unterschätzt haben. Doch die Klima-Kipppunkte erlauben weder Ignoranz noch Sorglosigkeit. Sie sind ein planetarer Game Changer und müssen mit hoher Dringlichkeit berücksichtigt werden, auch in der Entscheidungslogik institutioneller „Asset Owners“. Das bedeutet künftig auch für Versicherungen ernste Herausforderungen. Denn: Der Blind Spot beim Thema Klimawandel wird nicht ewig Bestand haben.
Der Autor hat zu diesem Thema eine umfassende Studie verfasst, die am 22.10.2025 vom FERI Cognitive Finance Institute veröffentlicht wurde; die Analyse „Climate Tipping Points – Das Umkippen essentieller Klimasysteme als globales Risiko“ steht als Kurzversion zum Download zur Verfügung unter: https://www.feri-institut.de/content-center/
Referenzen:
¹ Rapp, H.W. (2025), Climate Tipping Points – Das Umkippen essentieller Klimasysteme als globales Risiko; https://www.feri-institut.de/media/wjhhhxyw/202510_climate-tipping-points_studie_kurz.pdf
² Global Tipping Points Report (2025); https://global-tipping-points.org/download/1418/
³ Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (2025), Kippelemente – Großrisiken im Erdsystem. Aktueller Forschungsstand: Kippelemente; https://www.pik-potsdam.de/de/produkte/infothek/kippelemente/kippelemente
⁴ IPCC (2023), AR6 Synthesis Report – Climate Change 2023, Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change; https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/
⁵ Wunderling, N. et al. (2024), Climate Tipping Point Interactions and Cascades: a Review; https://esd.copernicus.org/articles/15/41/2024/
⁶ Wunderling, N. et al. (20221), Interacting Tipping Elements Increase Risk of Climate Domino Effects under Global Warming; https://esd.copernicus.org/articles/12/601/2021/esd-12-601-2021.pdf
⁷ Global Tipping Points Report (2023), insbes. S. 20; https://report-2023.global-tipping-points.org/download/4607/
⁸ Institute and Faculty of Actuaries (2024), Climate Scorpion – the Sting is in the Tail; https://actuaries.org.uk/media/g1qevrfa/climate-scorpion.pdf
⁹ World Economic Forum (2025), The Global Risks Report 2025; https://reports.weforum.org/docs/WEF_Global_Risks_Report_2025.pdf
¹⁰ Thallinger, G. (2025), Climate, Risk, Insurance: The Future of Capitalism; https://www.linkedin.com/pulse/climate-risk-insurance-future-capitalism-g%C3%BCnther-thallinger-smw5f
¹¹ World Economic Forum (2024), The Cost of Inaction: A CEO Guide to Navigating Climate Risk; https://reports.weforum.org/docs/WEF_The_Cost_of_Inaction_2024.pdf
¹² Howden (2025), The Insurability Imperative Using Insurance to Navigate the Climate Transition; https://huk.howdenprod.com/sites/huk.howdenprod.com/files/2025-06/12440%20CRR%20Insurability%20whitepaper%20-%20Final%20Digital.pdf
¹³ Lenton, T. et al. (2023), Narrative Summary, in: Global Tipping Points Report (2023), S. 10; https://report-2023.global-tipping-points.org/download/4607/
¹⁴ Institute and Faculty of Actuaries (IFoA) (2024), Climate Scorpion – the Sting is in the Tail; https://actuaries.org.uk/media/g1qevrfa/climate-scorpion.pdf 15 Institute and Faculty of Actuaries (IFoA) (2025), Planetary Solvency – Finding our Balance with Nature; https://actuaries.org.uk/media/wqeftma1/planetary-solvency-finding-our-balance-with-nature.pdf
Founder & Head of FERI Cognitive Finance Institute
Managing Director Corporate Communications