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Umwelt Bad Homburg, 02.03.2026 von Dr. Heinz-Werner Rapp

Von Klimakipppunkten zu Kippkaskaden: Klimabedingte Risiken neu kalkulieren

Die Versicherungsbranche ist ein zentraler Gatekeeper des Finanzsystems, nirgendwo werden Risiken so frühzeitig erkannt. Dennoch werden Klimakipppunkte (Climate Tipping Points – CTP) auch dort noch unterschätzt. Dabei entwickeln diese bereits heute Dynamiken, die kaum versicherbare Folgekosten mit sich bringen dürften. Eine Anpassung sei dringend nötig, sagt Dr. Heinz-Werner Rapp vom FERI Cognitive Finance Institute im Interview mit der Zeitschrift für Versicherungswesen. Er zeigt auf, was Versicherungen jetzt tun können – und sollten –, um sich auf radikal veränderte Szenarien einzustellen

Warum werden die Klimarisiken – insbesondere aber die näher rückenden Klimakipppunkte – in weiten Teilen der Finanzbranche noch zu wenig beachtet?

Rapp: Die Bedeutung des Klimawandels wird heute vielfach nicht mehr angemessen wahrgenommen, zudem scheinen viele Akteure mit dem Thema Klimawandel überfordert. Oft wird nicht mehr gesehen, welche enormen Herausforderungen hier schon in wenigen Jahren drohen. Noch kritischer ist aber, dass die Wirkung der Klimakipppunkte als massive Problemverstärker nicht hinreichend bekannt ist. Hier liegt ein klares Defizit der Risikowahrnehmung.

Wie wird das Thema Klimakipppunkte/Tipping Points derzeit in der Versicherungswirtschaft wahrgenommen? 

Rapp: Versicherungen haben einen klaren Blick auf das Thema – schließlich sind sie in vielen Bereichen direkt mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert. Dort wird inzwischen auch das Problem der Kipppunkte mehr diskutiert, speziell bei Rückversicherungen. Einzelne Akteure sind seit Jahren sehr aktiv und tragen – auch durch systematische Auswertung von Klimadaten – zum besseren Verständnis der Kipppunkte sowie zur Entwicklung entsprechender Risikomodelle bei. 

Welche Rolle spielen Versicherungen beim Thema Tipping Points – auch im Hinblick auf die gesamte Finanzbranche? 

Rapp: Versicherungen bilden die erste Verteidigungslinie gegen rapide steigende Klimaschäden, da sie bislang noch den Großteil der materiellen Kosten abdecken. Gleichzeitig helfen Versicherungen bei der rationalen Bewertung von Klimarisiken: Indem sie diesen laufend einen Marktpreis geben, sorgen sie für eine effektive Risikowahrnehmung. Mit Blick auf das Näherrücken wichtiger Klimakipppunkte ist aber eine fundamentale Neubewertung erforderlich – ein echtes „Repricing of Risk“. Zu diesem „Einpreisen“ von Klimarisiken leisten Versicherungen essenzielle Beiträge. Zudem sind Versicherungen ein wichtiger „Gatekeeper“ im Finanzsystem – sie senden klare Risikosignale an den Markt und erfüllen eine zentrale Frühwarnfunktion. Hier gilt: Wenn führende Versicherungen explizit vor den Risiken des Klimawandels warnen, sollten alle roten Lampen angehen. Nach unserer Einschätzung wurde dieser Punkt 2025 erreicht.

Welche Tipping Points stellen aus wirtschaftlicher Sicht die größten Gefahren dar? 

Rapp: Diese Frage lässt sich nur sehr schwer beantworten. Viele Kippdynamiken sind miteinander verbunden und verstärken sich gegenseitig. Noch dominieren Schäden an Gebäuden und Infrastruktur, ausgelöst durch Extremwetter. Künftig dürften vor allem Überflutungen von küstennahen Regionen sowie kritische Brüche der globalen Nahrungskette nach vorne rücken. Letztlich haben alle Klimakipppunkte eine so enorme Wucht, dass sie alle Lebensräume und Ökosysteme einschneidend verändern. Diese Schäden bedeuten rapide steigende Kosten, verbunden mit einer Vielzahl bedrohlicher Folgewirkungen auch auf anderer Ebene.

Was bedeutet in diesem Kontext der Begriff der Kippkaskaden? 

Rapp: Kippkaskaden sind die ultimativen Wirkungsverstärker des Klimawandels. Sie resultieren aus der Interaktion von Kippdynamiken, die sich überlagern und gegenseitig aufschaukeln. Ein Beispiel: Das rapide Abschmelzen polarer Eismassen – ein wichtiges Kippelement – führt nicht nur zu einem Anstieg des Meeresspiegels, sondern schwächt gleichzeitig auch andere Kippelemente wie die Nordatlantische Umlaufzirkulation – ein Strömungssystem, das den Golfstrom antreibt. Die moderne Klimawissenschaft geht davon aus, dass die Auslösung solcher Kippkaskaden die Auswirkungen des Klimawandels potenziert – durch komplexe Rückkopplungen und eine Vielzahl oftmals noch unterschätzter Wirkungszusammenhänge.

Wie wirkt sich der Klimawandel bereits jetzt auf die Versicherungsbranche aus? Gibt es konkrete Zahlen, um den wirtschaftlichen Impact zu bemessen? 

Rapp: Die bisherigen Kosten des Klimawandels sprechen eine klare Sprache. Die seit 1980 kumulierten Schäden belaufen sich auf 6,9 Billionen US-Dollar, davon rund 4,5 Billionen seit 1995, jeweils mit deutlich steigender Tendenz. Ein Großteil davon wird bislang von Versicherungen gedeckt. Aber: Diese Zahlen berücksichtigen nur die materiellen Schäden – etwa an Gebäuden und anderen Objekten. Zukünftig müssen noch die Entwertung wichtiger Ökosysteme sowie dauerhafte Schädigungen landwirtschaftlicher Anbauflächen berücksichtigt werden. Hinzu kommen weitere – potenziell stark steigende – Kosten, etwa für klimabedingte Produktionsausfälle, wachsende Belastung der Gesundheitssysteme oder klimabedingte Migration. Eine kürzlich aktualisierte Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) schätzt, dass die globale Wirtschaftsleistung bis 2050 durch den Klimawandel um rund 17% gemindert werden könnte. Derartige Einbußen sind aber kaum durch Versicherungen abgedeckt. Also werden andere Haftungsmassen benötigt – aber bekanntlich sind viele Staatskassen leer. Die Lösung dieses Problems ist unklar.

Welche spezifischen Versicherungsprodukte (z. B. im Bereich der Landwirtschaft, Immobilien oder der Infrastruktur) sind besonders von Klimarisiken betroffen? 

Rapp: Heute geht es primär um Elementarschäden an Gebäuden, ausgelöst durch Extremwetterereignisse. Dieser Markt hat sich aber verändert, nicht zuletzt durch die Flutkatastrophe im Ahrtal. Auch in Regionen wie Florida und rund um Los Angeles finden Hausbesitzer schon heute keine bezahlbaren Versicherungen mehr. Sobald dieses Problem in den Kredit- und Bankensektor ausstrahlt, entsteht schnell ein systemisches Problem. Auch Policen, die Unternehmen gegen Unterbrechungen im Produktionsprozess versichern, gewinnen an Brisanz. Sobald Störungen regelmäßig auftreten, etwa weil aufgrund von niedrigen Flusspegeln zu wenig Kühlwasser verfügbar ist oder Zulieferungen per Schiff nicht zuverlässig ankommen, sind neue Risikokalkulationen unvermeidbar. Ähnlich sieht es in der Landwirtschaft aus, wo dauerhaft steigende Klimaschäden künftig kaum noch versicherbar sein werden. Als Spezialthema rücken Cat Bonds in den Fokus – verbriefte Policen gegen Naturkatastrophen, deren Deckungskapital von Investoren am Kapitalmarkt aufgebracht wird. Insgesamt öffnet sich durch den beschleunigten Klimawandel ein breites Spektrum für Veränderungen.

Was sind die bedeutendsten Fehleinschätzungen bei den CTPs – möglicherweise auch in der Versicherungsbranche? 

Rapp: An erster Stelle steht eine oftmals unzureichende Kenntnis über die Bedeutung von Klimakipppunkten. Wer das zentrale Problem nicht kennt oder nicht versteht, kann damit auch nicht rational umgehen. An zweiter Stelle steht ein alarmierender Punkt, der in vielen Klimastudien der letzten Jahre auftaucht: Fast immer wurde dabei die Dynamik des Klimawandels – sowohl die Geschwindigkeit als auch die Intensität – signifikant unterschätzt. Offenbar wurde der massive Einfluss von Kippdynamiken nicht immer angemessen berücksichtigt. Rückkopplungen und andere Selbstverstärkungsmechanismen, die bei den Tipping Points eine entscheidende Rolle spielen, wirken wesentlich stärker, als bislang in vielen Klimamodellen unterstellt. Noch gravierender ist der Einfluss kumulativer Effekte, die aus dem Zusammenwirken und der gegenseitigen Verstärkung von Kippdynamiken resultieren. Ein Beispiel ist die überproportionale Erwärmung der Arktis, die nicht nur zu einem Abschmelzen des Polareises und Anstieg des Meeresspiegels führt, sondern auch den Treibhauseffekt direkt beschleunigt. Als Folge rückläufiger Eisflächen kann die Erde weniger Sonnenlicht reflektieren. Dies führt zu verstärkter Wärmeaufnahme von Land und Wasser, was die Erderwärmung weiter vorantreibt. Dann tauen auch die Permafrostböden der Arktis auf. Künftig werden dort große Mengen an Treibhausgasen freigesetzt, die bislang im Boden gebunden waren. All diese Phänomene erzeugen ausgeprägt prozyklische Effekte, deren Auswirkung auf die Dynamik der Erderwärmung sogar führende Klimaforscher überrascht.

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus Ihrer Forschung – insbesondere zur Interdependenz, Nichtlinearität und Irreversibilität der CTP-Auswirkungen – für die langfristige Geschäftsplanung und das Risikomanagement von Versicherungen? 

Rapp: Nicht nur Versicherungen, sondern auch andere Kapitalmarktteilnehmer stehen vor einem grundlegenden Problem: Ansätze zur Erfassung und Bewertung klimabedingter Risiken müssen dringend überarbeitet oder komplett neu entwickelt werden. Viele Risikomodelle sind nicht in der Lage, die komplexen Effekte nichtlinearer Kippdynamiken sinnvoll abzubilden. Dieses Grundproblem muss schnell adressiert werden. Kalkulationen für bestimmte Policen – etwa Gebäudeversicherungen in klimatisch exponierten Regionen – sind mittelfristig nicht tragfähig und müssen neu kalibriert werden. Denn aufgrund der nichtlinearen Prozesse des Klimawandels steigen sowohl die Risikoeintrittswahrscheinlichkeiten als auch die Schadenshöhen, vermutlich schneller und stärker als heute selbst in negativen Szenarien unterstellt. Und das Wichtigste: Nach Auslösen eines Klimakipppunkts läuft dessen destruktive Dynamik unerbittlich weiter – es gibt dann kein Zurück mehr zum vorherigen Normalzustand.

Gibt es im Hinblick auf die CTP bereits neue Konzepte zur besseren Risikoerfassung und Risikomodellierung?

Rapp: In einigen Bereichen wird bereits an neuen Ansätzen gearbeitet, aber dieser Prozess steht noch am Anfang. Das Thema ist äußerst komplex – selbst hochentwickelte Modelle können nicht alle relevanten Variablen des Klimawandels erfassen oder quantifizieren. Ein Team von Klimaexperten der University of Exeter entwickelt derzeit jedoch gemeinsam mit Vertretern der Versicherungswirtschaft spezielle Konzepte, bekannt unter dem Stichwort „Planetary Solvency“. Ziel ist, das neueste Wissen über Klimakipppunkte in versicherungstechnische Risikomodellierung zu übersetzen. Diese Initiative macht Sinn und hat Vorbildcharakter. Außerdem wird damit das Bewusstsein für die steigende Eintrittswahrscheinlichkeit von extremen Folgen des Klimawandels geschärft.

Was kann die Versicherungsbranche jetzt konkret tun, um besser mit den CTPs umzugehen? 

Rapp: Als erstes muss das Phänomen der Klimakipppunkte deutlich wahrgenommen und verstanden werden. Schon der Klimawandel bringt enorme Herausforderungen, doch die Kipppunkte sind echte Game Changer. Mit zunehmender Erderwärmung rücken wichtige Kipppunkte immer näher oder wurden bereits ausgelöst – wie etwa beim Kollaps der Korallenriffe. Das Kernproblem: Sind Kipppunkte erst einmal aktiviert, verstärken und beschleunigen sie den Klimawandel in einer Art und Weise, die für viele Finanzmarktteilnehmer kaum vorstellbar sein dürfte. Deshalb sollten auch Versicherungen alles tun, um diese bedrohliche Dynamik nach Möglichkeit noch abzuschwächen.

 

Interview mit Dr. Heinz-Werner Rapp in der Zeitschrift für Versicherungswesen (Printausgabe vom 01.03.2026) Die dazugehörige Studie „Climate Tipping Points“ kann im Downloadbereich heruntergeladen werden. 


Autoren
Rapp Heinz-Werner (FCFI Gründer)
Dr. Heinz-Werner Rapp

Founder & Head of FERI Cognitive Finance Institute

Pressekontakt
Schlerf Roger
Roger Schlerf

Managing Director Corporate Communications