Economics Update August 2026 - Europas China-Dilemma: Warum Konfrontation keine Lösung ist
- Deutliche Marktanteilsverluste europäischer Unternehmen gegenüber chinesischen Wettbewerbern stellen
ernsthafte Herausforderung dar - Generelle Konfrontationsstrategie gegenüber China ist bei realistischer Einschätzung der Machtverhältnisse nicht zielführend
- Klarer Fokus auf Wiedergewinnung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit als Alternative
- Falsche Prioritätensetzung wäre ein gravierender strategischer Fehler
Der jüngste Börsengang des chinesischen Halbleiterherstellers CXMT hat es erneut verdeutlicht: Neue Wettbewerber an den Hochtechnologiemärkten kommen im Zweifel aus dem Reich der Mitte und nicht aus Europa. Das ist angesichts der strategischen Ausrichtung der chinesischen Wirtschaftspolitik keine Überraschung. Halbleiter gehören aus Sicht Pekings zu den Schlüsseltechnologien, in denen das Land führend sein will. Um dieses Ziel zu erreichen, werden erhebliche Anstrengungen unternommen.
Aus europäischer Sicht werden chinesische Anbieter immer mehr zu einer Bedrohung: Europäische Unternehmen verlieren Marktanteile in China, sie geraten gegenüber ihren chinesischen Konkurrenten auf den globalen Märkten immer öfter ins Hintertreffen, und chinesische Produkte werden auch auf den europäischen Märkten immer beliebter. In der Öffentlichkeit wie auch in den Verlautbarungen der EU-Kommission wird deshalb verstärkt über staatliche Subventionen in China und Dumpingpraktiken diskutiert. Daraus folgt regelmäßig die Forderung, sich selbst mit staatlichen Eingriffen zur Wehr zu setzen, wahlweise durch Zölle auf chinesische Importe oder die eigene Förderung europäischer Unternehmen.
Nun sind die Abschottung des eigenen Marktes und die Förderung chinesischer Unternehmen integraler Bestandteil der strategischen Wirtschaftspolitik des Landes. Die Europäische Union (EU) muss nicht alle Folgen dieser Praktiken einfach hinnehmen. Sich hauptsächlich darauf zu konzentrieren, lässt jedoch zwei wichtige Punkte aus dem Blick geraten: Erstens schließen chinesische Unternehmen auch ohne staatliche Unterstützung zunehmend in Sektoren zur Weltspitze auf, die lange Zeit eine Domäne europäischer Anbieter waren. Dies spiegelt den Verlust an globaler Wettbewerbsfähigkeit wider, den hiesige Unternehmen in den zurückliegenden zehn Jahren erlitten haben. Viele von ihnen haben diese Entwicklung unterschätzt – und beim Versuch, Rückstände aufzuholen, erweisen sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Europa immer mehr als Hindernis und nicht als Hilfe.
Zweitens wird China immer erfolgreicher in Bereichen wie Halbleiter, KI, Robotik, Biotechnologie und Raumfahrt – Bereiche also, die als besonders zukunftsträchtig gelten. Europa spielt in vielen dieser Segmente keine oder bestenfalls eine sehr geringe Rolle. Das liegt unter anderem und ganz wesentlich an einer allgemein vorherrschenden gesellschaftlichen Risikoaversion – und die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik fördert diesen Umstand eher, als dass sie ihn zurückdrängen wollte.
Eine generelle Abschottungs- und Konfrontationsstrategie gegenüber China ist für die EU aber keine gute Idee – schon allein deshalb, weil China aufgrund seiner Größe und seines Rohstoffreichtums der EU größeren wirtschaftlichen Schaden zufügen kann, als es selbst davonträgt. Außerdem ist die chinesische Führung im Zweifel stärker willens und besser in der Lage, diese strategischen Möglichkeiten einzusetzen. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China aus dem vergangenen Jahr liefert dafür eindrucksvolles Anschauungsmaterial.
Rückbesinnung auf Europas Stärken
In der EU nun ebenfalls eine zentral gesteuerte strategische Industriepolitik zu etablieren, wie es etwa Frankreich vorschwebt, ist ebenfalls nicht wirklich aussichtsreich: Es spricht viel dafür, dass China mit seinem politischen System in dieser Disziplin besser ist, als es die Europäer je sein könnten. Zielführender wäre es deshalb, wenn sich Europa auf seine ursprünglichen Stärken besinnen würde: ein gutes Ausbildungs- und Qualifikationssystem, eine im Grundsatz hohe Innovationskraft, eine gute Infrastruktur, politische Stabilität und der umfassende Schutz von Eigentumsrechten vor staatlicher Willkür, um nur einige zu nennen. Allein der Abbau immer noch bestehender Hemmnisse im europäischen Binnenmarkt könnte einen Innovations- und Wachstumsschub bewirken und wäre deshalb für sich genommen bereits ein erstrebenswertes Ziel. Der Verzicht auf unnötige Regulierungen und die Schaffung eines einheitlichen europäischen Kapitalmarktes wären weitere lohnende Betätigungsfelder für die Politik auf europäischer und natürlich auf nationaler Ebene. Auf dieser Grundlage könnte und sollte man dann darüber diskutieren, ob punktuell die staatliche Förderung strategisch wichtiger Investitionen in Zukunftstechnologien notwendig sein kann.
Der aus einem solchen Programm resultierende Zuwachs an europäischer Stärke würde die EU schließlich auch besser in die Lage versetzen, mit der chinesischen Führung auf Augenhöhe zu verhandeln und beispielsweise offensiv einen gleichberechtigten Zugang zum chinesischen Markt für europäische Anbieter einzufordern. Punktuelle Konfrontation mit China oder die Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit ist keine reine Entweder-oder-Entscheidung, es kommt auf die Prioritätensetzung an – derzeit sieht es danach aus, dass Europa hier einen strategischen Fehler begeht.
Head of Economics & Chief Economist
Managing Director Corporate Communications
Head of Communications & Spokesperson